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Notwehr § 32 StGB

In dieser Lektion zur §34a Sachkundeprüfung vertiefst du dein Wissen über die Notwehr gemäß § 32 StGB und deren Anwendung im Strafrecht. Du lernst die rechtlichen Voraussetzungen für eine Notwehrhandlung kennen und erfährst, unter welchen Bedingungen dieses Recht durch spezifische Sperren eingeschränkt ist.

Lektion 69: Notwehr § 32 StGB

Lernziele: Du vertiefst dein Notwehrwissen für das Strafrecht und lernst die "Sperren" kennen, wann Notwehr eingeschränkt ist.

Kerninhalt

Hinweis: Die Notwehr ist hier strafrechtlich geregelt (§ 32 StGB). Die zivilrechtliche Seite (Schadenersatz) findest du in Lektion 53 (Notwehr BGB).

Notwehr ist der wichtigste Rechtfertigungsgrund. "Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden."

Wiederholung: Voraussetzungen

Notwehr StGB

  1. Notwehrlage: Angriff, Gegenwärtig, Rechtswidrig.
  2. Notwehrhandlung: Erforderlich (mildestes Mittel).

NEU: Einschränkung der Notwehr ("Gebotenheit")

Manchmal darf man sich NICHT voll wehren, obwohl man angegriffen wird. Das nennt man "sozialethische Einschränkungen".

  1. Krasses Missverhältnis: Kirschendieb im Rollstuhl vs. Schrotflinte. (Leben vs. Bagatelle). Hier darf man nicht schießen.
  2. Angriffe von Schuldunfähigen (Kindern/Betrunkenen): Wenn dich ein 6-Jähriger tritt, darfst du ihm nicht die Nase brechen. Du musst erst ausweichen ("Schutzwehr vor Trutzwehr").
  3. Provokation: Wer den Angriff absichtlich provoziert hat ("Na schlag doch zu!"), verliert sein Notwehrrecht teilweise oder ganz.
  4. Garantenstellung (Ehegatten): Wer von seiner Ehefrau mit der Handtasche geschlagen wird, darf sie nicht gleich niederschlagen (Beschützergarant). Er muss erst ausweichen.

Achtung: Polizisten handeln meist rechtmäßig. -> Keine Notwehr möglich. Nur wenn der Polizist völlig illegal und willkürlich prügelt (Amtsmissbrauch), ist Notwehr theoretisch denkbar, aber in der Praxis extrem riskant (Irrglaube über Rechtmäßigkeit). Best Practice: Nie gegen Polizei wehren. Später beschweren.

Praxisbeispiel

Situation: Ein Betrunkener torkelt auf den Türsteher zu und will ihn schlagen.

Handlung:

  • Darf der Türsteher ihn K.O. schlagen?
  • Nein! (Angriff von schuldlos Handelndem).
  • Er muss erst ausweichen, blocken oder ihn festhalten. Erst wenn das nichts hilft, darf er härter zuschlagen. Die Notwehr ist hier eingeschränkt.

Zusammenfassung

  • ✅ Notwehr rechtfertigt Straftaten (Körperverletzung wird erlaubt).
  • ✅ Einschränkungen bei Kindern, Betrunkenen, Provokation und Bagatellen.
  • ✅ "Recht muss dem Unrecht nicht weichen" gilt nicht bei schuldlosen Angreifern.

Prüfungsfragen zu diesem Thema

Teste dein Wissen – richtige Antworten sind grün markiert.

Prüfungsfrage 1

Jemand begeht eine Tat, die heute legal ist. Morgen wird ein neues Gesetz verabschiedet, das diese Tat unter Strafe stellt. Darf er rückwirkend bestraft werden?

  • A)Ja, wenn es im Gesetz ausdrücklich so angeordnet ist.
  • B)Ja, wenn die Tat besonders grausam oder schwerwiegend war.
  • C)Nein, Bestrafung nur, wenn Gesetz VOR der Tat existierte.
  • D)Ja, aber nur bei Verbrechen gegen das Leben.
  • E)Ja, das liegt im freien Ermessen des zuständigen Richters.
  • F)Nein, es sei denn, es handelt sich um schwere Steuerhinterziehung.
iErklärung

In einem Rechtsstaat wie Deutschland gilt ein fundamentaler Grundsatz, der im Grundgesetz (Art. 103 Abs. 2 GG) und im Strafgesetzbuch (§ 1 StGB) festgeschrieben ist: „Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde.“ Dieser lateinische Fachbegriff lautet Nulla poena sine lege (Keine Strafe ohne Gesetz).

Das bedeutet konkret: Wenn Sie heute etwas tun, das nach aktuellem Recht erlaubt ist, darf der Staat Sie dafür niemals nachträglich bestrafen, selbst wenn er morgen ein Gesetz verabschiedet, das genau diese Handlung verbietet. Dies nennt man das Rückwirkungsverbot. Es dient dem Vertrauensschutz der Bürger. Jeder Mensch muss sich darauf verlassen können, dass sein heutiges Handeln nicht morgen plötzlich zur Straftat erklärt wird. Ohne dieses Prinzip könnte der Staat willkürlich Bürger ins Gefängnis werfen, indem er Gesetze einfach rückwirkend ändert.

Warum sind die anderen Antworten falsch?

Die Antworten A, B, D und F sind falsch, weil es im deutschen Strafrecht keine Ausnahmen vom Rückwirkungsverbot gibt. Weder die Grausamkeit einer Tat (B), noch die Art des Verbrechens wie Mord (D) oder Steuerhinterziehung (F) können diesen Verfassungsgrundsatz aushebeln. Selbst wenn der Gesetzgeber im neuen Gesetz ausdrücklich eine rückwirkende Geltung anordnen würde (A), wäre dies verfassungswidrig und damit nichtig. Das Rückwirkungsverbot ist absolut.

Antwort E ist ebenfalls falsch, da ein Richter keinerlei Ermessensspielraum hat, über die zeitliche Geltung von Strafgesetzen zu entscheiden. Er ist strikt an das Gesetz gebunden (Grundsatz der Gesetzmäßigkeit, Art. 20 Abs. 3 GG). Wenn zum Zeitpunkt der Tat kein Gesetz existierte, das die Handlung unter Strafe stellte, muss der Richter das Verfahren einstellen oder den Angeklagten freisprechen.

Zusammenfassend ist nur Antwort C korrekt, da sie das absolute Rückwirkungsverbot im Strafrecht korrekt wiedergibt.

Prüfungsfrage 2

Jemand verletzt ein Gesetz, hat aber einen Rechtfertigungsgrund (Notwehr). Ist er strafbar?

  • A)Ja, Gesetz ist Gesetz.
  • B)Nein, die Rechtswidrigkeit entfällt.
  • C)Ja, aber mildere Strafe.
  • D)Kommt auf den Richter an.
  • E)Ja, Bewährung.
  • F)Nur Bußgeld.
iErklärung

Im deutschen Strafrecht wird eine Tat immer in einem dreistufigen Schema geprüft, um festzustellen, ob sich jemand strafbar gemacht hat. Diese drei Stufen sind:

  1. Tatbestand: Hier wird geprüft, ob die Handlung die Merkmale eines Gesetzes erfüllt (z. B. Körperverletzung gemäß § 223 StGB).
  2. Rechtswidrigkeit: Hier wird geprüft, ob es einen Rechtfertigungsgrund gibt. Wenn jemand in Notwehr (§ 32 StGB) handelt, ist die Tat zwar tatbestandsmäßig (man hat jemanden verletzt), aber sie ist nicht rechtswidrig. Das Gesetz erlaubt die Handlung in diesem speziellen Moment, um sich zu schützen. Auch im Zivilrecht ist dies in § 227 BGB verankert.
  3. Schuld: Hier wird geprüft, ob der Täter persönlich für sein Unrecht verantwortlich ist (z. B. Schuldfähigkeit gemäß § 19 StGB).

Da im Fall der Frage ein Rechtfertigungsgrund vorliegt, entfällt die zweite Stufe (die Rechtswidrigkeit). Ohne Rechtswidrigkeit gibt es keine Straftat und somit keine Strafe.

Warum sind die anderen Antworten falsch?

  • Antwort A: Ist falsch, weil das Gesetz selbst Ausnahmen (Rechtfertigungsgründe) vorsieht. Wer gerechtfertigt handelt, bricht das Gesetz nicht im strafbaren Sinne.
  • Antwort C: Eine mildere Strafe gibt es nur, wenn die Tat rechtswidrig und schuldhaft war, aber Milderungsgründe vorliegen. Bei Notwehr entfällt die Strafe komplett.
  • Antwort D: Der Richter ist an das Gesetz gebunden (Art. 20 Abs. 3 GG). Wenn Notwehr vorliegt, darf er nicht nach eigenem Ermessen dennoch bestrafen.
  • Antwort E & F: Bewährung oder Bußgelder setzen voraus, dass eine rechtswidrige Tat begangen wurde. Das ist hier nicht der Fall.

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