Ein Sicherheitsmitarbeiter äußert sich gegenüber Kollegen pauschal abwertend über eine Gruppe von Jugendlichen, noch bevor es zu einem sicherheitsrelevanten Vorfall gekommen ist. Welche psychologische Funktion erfüllt dieses Vorurteil primär für den Mitarbeiter?
Richtige Antwort: B
In der Psychologie und im Sicherheitsgewerbe ist es von zentraler Bedeutung zu verstehen, wie Vorurteile (Stereotype) funktionieren und welche Auswirkungen sie auf die tägliche Arbeit haben. Wenn ein Sicherheitsmitarbeiter eine Gruppe von Jugendlichen pauschal abwertet, noch bevor etwas passiert ist, nutzt sein Gehirn einen psychologischen Mechanismus zur sogenannten kognitiven Entlastung. Unsere Umwelt ist hochkomplex und bietet ständig eine Flut an Informationen. Um schnell handlungsfähig zu bleiben, neigt das menschliche Gehirn dazu, Informationen zu filtern und in vereinfachte Kategorien oder „Schubladen“ zu stecken. Diesen Vorgang nennt man Komplexitätsreduktion. Anstatt jeden Jugendlichen individuell nach seinem tatsächlichen Verhalten zu beurteilen, wird die gesamte Gruppe vorab negativ bewertet. Das spart dem Mitarbeiter geistige Energie und gibt ihm ein – wenn auch trügerisches – Gefühl von schneller Orientierung und Sicherheit in einer unübersichtlichen Situation.
Rechtlich gesehen ist dieses Verhalten jedoch höchst problematisch und unprofessionell. Gemäß § 34a der Gewerbeordnung (GewO) und der dazugehörigen Bewachungsverordnung ist der Sicherheitsmitarbeiter zur besonderen Sorgfalt, Sachlichkeit und Professionalität verpflichtet. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet Diskriminierungen, unter anderem aufgrund des Alters, der Herkunft oder des Geschlechts. Eine pauschale Abwertung verstößt gegen das Gebot der Neutralität und kann im schlimmsten Fall die Menschenwürde verletzen, die in Artikel 1 des Grundgesetzes (GG) als höchstes Gut geschützt ist. Zudem widerspricht es den Grundsätzen der DGUV Vorschrift 23, die zwar die Eigensicherung betont, aber professionelles, deeskalierendes Verhalten voraussetzt, welches durch Vorurteile massiv behindert wird.
Warum sind die anderen Antworten falsch?
- Antwort A ist falsch, da Vorurteile die soziale Kompetenz (Sozialkompetenz) nicht steigern, sondern massiv einschränken. Wer voreingenommen ist, verliert die Fähigkeit zur objektiven Kommunikation und Deeskalation.
- Antwort C ist falsch, weil eine „objektive Gefahrenprognose“ zwingend auf belegbaren Fakten und konkreten Beobachtungen basieren muss. Vorurteile sind rein subjektiv und führen oft zu Fehlbeurteilungen der Lage.
- Antwort D ist falsch, da die DGUV Vorschrift 23 (Unfallverhütungsvorschrift für Wach- und Sicherungsdienste) technische, organisatorische und persönliche Sicherheitsmaßnahmen regelt, aber keinesfalls Diskriminierung oder Abwertung als Schutzmaßnahme legitimiert.
- Antwort E ist falsch, da Vorurteile eine emotionale Distanz schaffen und Empathie (Einfühlungsvermögen) verhindern. Man sieht nicht mehr den Menschen, sondern nur noch ein „Feindbild“.
- Antwort F ist falsch, weil Vorurteile die selektive Wahrnehmung (man sieht nur das, was die eigene Meinung bestätigt) geradezu fördern und verstärken, anstatt sie zu vermeiden. Ein professioneller Sicherheitsmitarbeiter muss diese psychologischen Fallen kennen, um im Dienst rechtssicher und deeskalierend zu agieren.
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